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tiefes wissen

Hier lesen Sie Geschichten der Heilung und des inneren Wachstums. Es sind erlebte Erzählungen von Menschen, die in ihre Tiefenimagination gereist sind und von den Wesen ihrer inneren Bilderwelt durch Wachstumsprozesse begleitet wurden. Lassen Sie sich berühren von der Vielfalt und Tiefe der hier geteilten Geschichten. Vielleicht wecken sie in Ihnen den Abenteuergeist, selbst auch einmal den Blick nach innen zu richten und auf die Reise zu gehen…

20. November 2015

Paw of Power

Am 29. 10. 2015 komme ich mit einer Bitte zu meinen Tieren. In den letzten Tagen ist eine Kindheitserinnerung bei mir aufgetaucht - ich erlebte erneut den Trennungsschmerz, den jeder Morgen, an dem mich meine Mutter im Kindergarten von mir verabschiedet hat, mit sich brachte. Ich wollte gerne mit meinen Tieren dort hingehen, um der verzweifelten kleinen Daniela von damals zu helfen. Meine Tiere waren einverstanden.

Die beiden Waschbären aus meinem Wurzelchakra sind sofort da, als ich meine Bitte äußere. Begleitet werden sie von einem Eisbären, den ich noch nicht kenne. Er ist zu meinem Schutz da und tatsächlich geht von ihm eine unvorstellbare Ruhe aus, ich habe sofort das Gefühl, mich bei ihm komplett fallenlassen und ihm uneingeschränkt vertrauen zu können.
Die Waschbären fragen mich noch einmal, ob ich wirklich zu dieser Erinnerung zurück möchte, ob ich wirklich bereit bin dazu. Ich weiß nicht, ob ich bereit bin, aber ja, ich will dort hin. Ich habe nur mit meinen Tieren die Möglichkeit, etwas zu heilen. Sie nicken, haken sich links und rechts bei mir unter und marschieren mit mir in der Mitte los. Der Eisbär bleibt dicht hinter mir, ich kann seine körperliche Präsenz deutlich spüren und bin froh, dass er mitkommt.

Ich sehe den Kindergarten, beobachte mit meinen Tieren die folgende Szene: meine Mutter bringt mich gerade, noch ist alles in Ordnung. Aber dann muss sie sich verabschieden und ich werde traurig. Ich möchte nicht alleine hierbleiben, ich möchte entweder mit meiner Mutter gehen, oder mit ihr gemeinsam hier den Tag verbringen. Ich möchte nicht ohne sie sein. Als sie sich umdreht und Richtung Tür geht, schwappt eine Welle der Verzweiflung über mich, die Tränen fließen. 
Die Traurigkeit der kleinen Daniela greift auch auf mich über, ich möchte ihr so gerne helfen, aber ich weiß nicht, wie. Ich frage die Waschbären, was wir jetzt tun sollen. Sie sagen, ich soll gar nichts machen, ich bin im Moment keine große Hilfe, ich bin zu sehr mit Gefühlen wie Mitleid und Ärger über die Ungerechtigkeit der Umstände blockiert, als dass ich einen konstruktiven Beitrag leisten könnte; sie erledigen das schon. Meine Aufgabe ist es, mich zum Eisbären zu setzen und zuzuschauen. Und wieder bin ich unendlich dankbar, dass der Eisbär bei mir ist, ich lehne mich mit dem Rücken an ihn, spüre das weiche Fell und lasse mich von seinen großen Pranken festhalten. Das tut gut.

Die Waschbären frieren die gesamte Szenerie ein - meine Mutter erstarrt mitten im Weggehen, eine der Tanten erstarrt auf halbem Weg zu mir, um mich zu trösten, die übrigen Kinder rühren sich ebenfalls nicht mehr. Nur ich, die kleine Daniela, stehe immer noch da und weine, weine, weine.
Die Waschbären flitzen nun auf mich zu, sie beginnen, um mich herumzutoben, spielen Fangen um meine Füße. Sie sind dabei so lustig anzuschauen, dass ich unweigerlich zu weinen aufhören muss. Sie haben so viel Spaß und Energie, laufen jetzt auch an mir hoch und wieder runter bei ihrem wilden Spiel, sie kitzeln mich dabei mit ihrem weichen Fell, ich muss kichern. Dann setzen sie sich links und rechts auf meine Schultern und sagen, ich soll mich zu meiner Mutter umdrehen. Wir stehen uns jetzt gegenüber.
Die Waschbären klettern von meinen Schultern, einer geht zu meiner Mutter, der andere bleibt bei mir. Beide formen sie jetzt jeweils eine goldene Blase um uns, dann berühren sie mit ihren kleinen Pfoten die Stelle an unseren Körpern, wo das Herz sitzt. Die freie Pfote legen sie in die des anderen Waschbären, sodass wir alle miteinander verbunden sind. So stehen wir eine Weile ganz ruhig, eingehüllt in das warme Gold, bis die Waschbären die Verbindung lösen und ihre Pfoten von unseren Herzen nehmen. Als sie ihre Arme aus den Blasen ziehen, schaut es aus, als wären sie aus Gold gegossen. 
Nun tauschen die Waschbären ihre Plätze, mein Waschbär legt seine jetzt goldene Pfote auf das Herz meiner Mutter, und ihrer macht das gleiche bei mir. Wieder stehen wir eine Weile so da, allesamt verbunden. Dann nehmen sie ihre Pfoten weg und treten einen Schritt zurück. Das Gold auf ihren Armen verblasst, ebenso wie die Blasen um meine Mutter und mich. Was zurückbleibt, ist ein tiefgold leuchtender Waschbärenpfotenabdruck über unseren Herzen, der sich unglaublich warm und gut anfühlt. 
Die Waschbären sagen mir, dass es jetzt Zeit ist, mich von meiner Mutter zu verabschieden. Ich nicke, lächle sie an und winke ihr, sie lächelt zurück und geht. Dieses Mal ist das in Ordnung für mich, ich drehe mich um und gehe zu den anderen Kindern. Auf meiner Brust leuchtet der goldene Pfotenabdruck. Und ich weiß, dass das bei meiner Mutter auch so ist.

Ich sitze immer noch an den Eisbären gekuschelt da, als die Szene langsam undeutlich wird und schließlich ganz verschwindet. Die Waschbären kommen zu uns, sie sind sehr zufrieden mit sich und ihrer Arbeit. Als ich an mir hinunterschaue, sehe ich, wie über meinem Herzen ein goldener Pfotenabdruck schimmert.

Da taucht plötzlich die Katze auf. Sie gratuliert den Waschbären und schickt den Eisbären weg (meine Katze ist eine ganz typische Katze, sehr pragmatisch, sehr selbstbestimmt, sehr ... na eben katzig). Ich möchte nicht alleine sitzen, fühle mich unsicher und verwundbar ohne den starken Eisbären, der meinen Rücken schützt. Aber die Katze sagt, das muss genau so sein, denn wir sind noch nicht fertig. Ich habe mit dem Pfotenabdruck über meinem Herzen heute ein großes Geschenk der Heilung erhalten, aber sie möchte mir auch noch etwas geben, um alles vollständig zu machen. Sie geht auf meine Rückseite und kratzt mich plötzlich völlig unvermittelt. Die fährt mit ihren Krallen über meinen ganzen Rücken, von oben nach unten, ich spüre ein heftiges Brennen. Sie sagt, ab jetzt kann ich alleine sein, so wie Katzen auch. Ich kann mir selbst genügen und Halt finden bei mir. Auf meiner Vorderseite habe ich den Pfotenabdruck der Waschbären und auf meinem Rücken ihren Kratzer, ich habe den Schmerz und den Schutz, dazwischen bin ich, kann ich ganz ich sein, da beginne ich, da höre ich auf.

Ich danke meinen Tieren. Von ganzem Herzen.



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18. November 2015

storch

reise vom 7.8.15
da ist ein storch, links vor mir. ich begrüße ihn, hallo, was magst du mir zeigen? oft ist es genug, einfach nur so herumzutrippeln, sagt er. und das macht er. er geht mit seinen dünnen beinen und kleinen füßchen und zehen herum. ein bisschen im kreis, schaut nach vor, links, rechts. pickt ein bisschen, schaut in den himmel. und sagt noch einmal, das ist genug, schau, schau. spürst du das leben? und es ist wirklich so, als würde ich sehen, wie das leben so fließt, seine füße rauf und runter. ein bisschen ein anderes leben ist in seinen federn drinnen, er bewegt seine flügel. er tut ganz, ganz wenig, aber das leben ist da. ich sag, magst du, dass ich mich so hinstelle und auch so das leben spür wie du jetzt? und er nickt beiläufig. und ich steh da und ich spür wie das leben durch meine füße läuft, durch meine beine. da ist nicht nichts, da ist viel leben. überall ist leben, überall wird das leben von anderem leben angestoßen, von kleinen zellen, die wie runde kügelchen sind, wie verschiedenfarbige perlen. und der storch sagt, lass es zu. und endlich ist das leben nicht nur in meinen beinen - irgendwie ist da nämlich ein hindernis, da geht’s nicht so gut durch, wo mein unterleib beginnt - hier ist ganz feines gewebe und dieses leben, die kügelchen durchstoßen das gewebe. kommen höher. ich kann ganz viel leben spüren in meinem unterleib, aber es ist ganz zart. die kügelchen sind hier noch viel feiner und kleiner. viel kleiner! und da ist ein pochen in meinem unterleib. und diese kügelchen sind in bewegung, ganz viele und stoßen ganz viele andere an. es ist ein bisschen wie in der letzten reise, wo alles alles bewegt, alles mit allem zu tun hat, und alles ist leben. und ich seh den storch, der immer noch so rumtrippelt und er sagt zu mir, lass das leben höher steigen. und ich spüre, wie säfte in mir hochsteigen und alles, alle säfte, alles besteht – es ist rosarot – besteht aus kleinen kügelchen, ding, ding, die einander vorwärts stoßen. und der storch sagt, lass das leben dich ausfüllen, gib dich hin. in jede kleinste zelle. lass jede zelle neu beleben. ich kann jetzt spüren, wie unterschiedlich die bereiche sind, sehen eigentlich. im herzen ist ganz viel trubel, ganz viel leben. hier sind interessanterweise diese kügelchen größer und dadurch ist alles viel – also große bewegungen – es ist schneller, es geht schneller was weiter. dann ist es etwas schwierig bei den schultern, dass da was durchgeht. als wären die arme, so wie bei gliederpuppen so dranhängend und würden gar nicht ganz dazugehören. es ist so, als müsste man sie erst anhängen. es ist so ein hin und her von leben, ja wie zickzackstiche. aber innen, innen wird hier gearbeitet von dem leben, von den kugeln, von den zellen. in den zellen werden neue verbindungen geschaffen. zuerst links und jetzt rechts in den schultern. das ist schwieriger, aber der rechte arm ist auch ganz anders, eher wie ein flügel. es beginnt sich etwas zu verändern in diesem oberen bewegungsapparat. in diesem oberen... ja ich bekomme flügel. gleichzeitig spür ich wie im hals gearbeitet wird. hier ist es ganz dicht, hier ist es wie eine dichte masse, wie ton der einige... 5, 6, 7 cm breit ist, wo bahnen durchggezogen werden müssen, so als würden ganz kleine feine nadeln - es ist sehr unangenehm - von unten nach oben durchgehen. auch ein paar von oben nach unten, interessant. es ist so: von unten nach oben werden kleine kanäle gezogen. gleichzeitig wird an meinen flügeln gearbeitet. so füllig wie federn, helle federn. weiß, links sind schwarze dabei, ein paar rote dabei. auch rechts sind rote, es ist unglaublich. wenn ich genau wahrnehme, dann spür ich, dass in meinem ganzen körper gearbeitet wird. pumabeine, entenhintern, auch tiere, es sind tiere da. es werden tierteile in mir, die sich auch wandeln. das ganze leben ist da. dieser wie gerupfte entenhintern irritiert mich ein bisschen. der storch erklärt mir, das ist anders, hier müssen erst die federn geboren werden. da ist nichts gerupft, das ist alles neu. neues leben! ich hab hufe und krallen, es changiert. ich bin leben, ich bin leben, ich bin lebendigkeit. bewegung. die kleinen kügelchen arbeiten und alles verändert sich. es ist so wichtig bei dem hals da durchzukommen. man kann nicht diese ganze schicht, die wie ton ist wegräumen, denn dann würde der ganze kopf herunterfallen. durchlässig machen. das ziel ist, hier ganz durchgängig zu werden, und ich schau den storch an und er sieht mich an und ich sehe an ihm, was mit mir passiert. es wird der hals immer länger, mein hals wird länger, wird dünner. dadurch verändert sich die konsistenz von dieser masse, von dem hals überhaupt. es wird besser. der storch sagt, und ich spür das auch, aus diesem alten leben wird neues leben geboren. und durch das längerwerden des halses entsteht so eine art kanal, und von unten kommt das leben rauf in meinen kopf. und mein kopf ist ganz unerwartet anders, wie eine große blüte, wie eine unglaublich schöne, dichte, duftende rosa pfingstrose. groß und buschig und duftend. sie wird immer schöner und ein bisschen dunkler. sie wird genährt von dem leben und es ist so, dass ich spür, wie ich jetzt auch wurzeln hab in die erde. wie ich als ganzes mich in eine blume verwandle. wie ich wasser bekomme. lebenswasser aus der erde, die mich trägt und hält und nährt, die wunderbare erde, meine mutter, und es kann mir nichts passieren. das ist irgendwie psychedelisch, ganz seltsam. und doch auch so real, es kann mir nichts passieren. über mir ist der himmel, der himmel, der mich nährt und die sonne. und unten ist die erde und das wasser. wasser, lebenswasser kommt von unten und von oben. das lebenswasser kommt von unten und von oben und es ist da in der luft, in der mitte. leben ist wasser, wasser ist leben. ich fühl mich jetzt ganz lebendig, auch in der mitte, mein herz ist so stark. und vom herzen aus bin ich intensivst bemüht nach dieser verbindung nach oben und nach unten, dass alles in verbindung und fließend ist, dass die kleinen kügelchen sich bewegen können, rauf und runter, wie es ihnen gefällt. sie sollen spaß haben, sie sollen reinen spaß haben. überall in meinem körper ist leben und spaß, reines vergnügen. ich bin eine geburt. lange lebt eine pflanze nicht. ich bin jetzt gerade eine geburt. wovor sollte ich angst haben? das leben ist ehrlich und genau jetzt. ich frag den storch, ist es gut so? ich schau ihn an, er steht neben mir, er ist genau so groß wie ich. ich bin eine pfingstrose, er ist ein storch. ich bin eine sehr große pfingstrose. und der storch sagt, ich soll mich nur ganz diesem leben hingeben, diesem neuen. ein pflanzenleben. ein pflanzenleben ist ganz anders. kurz. ein blume hat ein kurzes leben und ist das leben. und dieses leben ist ganz frisch. unglaublich prickelnd, wie frisches bergquellwasser. und es spritzt und sprinkelt rauf und runter in mir, raus aus den blütenblättern und aus den blättern. und ich bin so unglaublich lebendig, so lebendig. der storch sagt, du hast dich gefragt, wo das neue ist, das neue leben. sei dir bewusst, dass du dir jedes leben in jedem augenblick erschaffen kannst. wenn du das bedürfnis nach einem puma, nach einem pumaleben hast, dann mach dir einen puma. einen stein, eine wolke am himmel, eine oma, ein messer, eine küchengabel. alles ist leben und alles ist dir immer zugänglich, in jedem augenblick. es ist nur weg, wenn du dich verschließt. es kann dir nichts passieren. du bist wunderbar aufgehoben, zwischen himmel und erde in dir. ich danke dir, wer bist du denn? (lacht) dein geburtshelfer, siehst du das nicht? dann nimmt er mich, ich bin die blume, er nimmt mich und hält mich und trägt mich hoch und fliegt weg mit mir und setzt mich in eine reiche, reiche rote und saftige erde hinein. und da ist ein kleines lüftchen, ein paar wolken, ein wind, eine temperatur und farben wie ich sie mir nur wünschen kann und wie es in marokko ist. eine pfingstrose in marokko! was für ein schöner buchtitel, sagt der storch. und ich sag, an schreiben denk ich jetzt wirklich nicht. und der storch sagt, musst du nicht, das leben schreibt sich selber. lass es nur zu, gib dich hin, gib dich immer hin. blockier dich nicht durch irgendein schlechtes gefühl oder ein schlechtes gewissen oder ein irgendwas sollte anders sein. hab keine angst. hab keine angst, solange du fließt und das leben fließt, ist alles gut. ich sag, bist du da, bleibst du da? kann ich dich erreichen? und der storch sagt, immer wenn du das bedürfnis nach einer neuen geburt hast, täglich, sekündlich oder stündlich, ein mal im jahr oder nie wieder, ich werde da sein, ich helfe dir. ich bin sehr gerührt. jetzt lieg ich da, der storch breitet seine flügel über mein gesicht. breitet seine weichen flügel über mein gesicht, und es sind die gleichen flügel, die ich auch jetzt bekommen habe. ja freilich hast du mich selbst geboren, sagt der storch, wer denn sonst? ich bin ja dein tier, und du weißt auch, dass du fliegen kannst. bleib noch da, hingebreitet wie du bist, ich bin über dich gebreitet, es ist alles gut. und der storch ist wie eine feine, zarte federdecke. danke.
(wörtlich nach einer audio-aufnahme)

12. November 2015

Eine Welt, die sich selbst erschafft

Reise vom 15. April 08

Ich bin am See, dem Ort meines Herzens. Schon oft bin ich an diesem inneren Platz gewesen, der mir mit seiner smaragdgrünen Farbe wohl vertraut ist. Im Baum neben dem See sitzt der schwarze Vogel, darunter das weiße Pferd aus dem Herzchakra. Das Bild von gestern, die Eisschicht, die über dem See lag, kommt mir nun wie ein Traum vor. Und doch ist der schwarze Vogel der Beweis, dass es kein Traum ist.

© Anne Romby

„Ich freue mich, dass du da bist“ rufe ich zu ihm hinauf – und da fliegt er auch schon aus der Baumkrone hinunter und setzt sich auf den Rücken des Pferdes.
„Wie geht es dir?“ fragt er und ich sage ihm, wie dankbar ich für alles bin, was gestern passiert ist. Am allermeisten dafür, dass er für mich da war und mich in meiner großen Not beschützt hat. Ich bin neugierig, mehr über ihn zu erfahren.
„Du kennst mich schon so lange, aber du hast es vergessen“, sagt er.
„Kannst du mir sagen, was ich vergessen habe?“ frage ich ihn,
„Komm ganz nah zu mir und schau mein Gefieder ganz genau an.“
Ich sehe blau schwarz glänzende Federn mit starken, dicken Kielen. Vorsichtig berühre ich sie und spüre, wie weich sein Gefieder ist.
„Erinnert dich das an etwas?“ fragt er mich.

Da sehe ich einen Konzertflügel, auf dem ein Zylinder und ein Stock liegen. Der Flügel steht in einem großen Raum mit hohen Fenstern und kostbaren Teppichen am Boden. Ich schaue mich um und denke, dass das nur ein Schloss sein kann. In einer Fensternische steht ein imposanter Gold verzierter Schreibtisch. Auf ihm sitzt eine weiße Angorakatze. Als ich mich ihr nähere, entdecke ich, dass sie ein blaues und ein grünes Auge hat. Behutsam lasse ich mich beschnuppern. Als sie mit ihrem Kopf meine Hand anstupst, streichle ich sie und frage: „Wo bin ich?“
„Das ist dein Schloss!“ antwortet sie. Ungläubig zeige ich auf den Zylinder und sage, dass der viel zu groß für mich ist.
„Sag mir, wem er gehört!“ fordere ich sie auf.
Da blickt sie mich an, als wolle sie abschätzen, ob ich vertrauenswürdig genug bin, diese Information zu bekommen. Sie deutet auf den offenen Kamin, der von Bücherregalen umringt ist. Als ich hingehe, sehe ich, dass auf dem Sims viele Bilderrahmen mit alten Fotografie stehen. Ein Mann in Uniform, ein Hund, der einen Ball im Maul hält, zwei kleine Mädchen und eine lachende Frau.
„Wer sind all diese Menschen?“ frage ich die Katze.
„Das sind meine Menschen!“ antwortet sie mit Stolz geschwellter Brust.
„Und was habe ich hier zu suchen?“
„Das weiß ich auch nicht. Aber dein Besuch wurde mir angekündigt.“

Als ich merke, dass sie nicht weiter mit mir spricht, gehe ich zu dem Flügel und setze mich hin. Ein geöffnetes Notenblatt liegt in der Halterung. ‘Mondscheinsonate’ von Ludwig van Beethoven. Es gibt mir einen Stich im Herzen, als ich den Titel lese. Vorsichtig berühre ich die Tasten mit den Fingern, traue mich aber nicht, sie herunter zu drücken und Töne zu erzeugen. Ein komisches Gefühl überkommt mich, ein Gefühl, Eindringling zu sein. Ich lasse meine Hände wieder sinken,  nehme den Zylinder und setze ihn auf, obwohl er mir ein Stück in die Stirn rutscht. Auch den Stock mit dem Silberknauf nehme ich in die Hand - und da verwandelt sich die Szenerie und ich befinde mich auf einer Bühne eines Nachtklubs. Scheinwerferlicht ist auf mich gerichtet.
Ich sehe mich tanzen mit Stock und Zylinder, doch die Musik hört sich eigenartig an. Sie hallt als wäre das kein Raum in einem Klub sondern eine Höhle. Alles wirkt sehr unwirklich.

Der Zuschauerraum ist halb verdunkelt, von den vielen Menschen im Raum sehe ich nur Silhouetten und kann keine Gesichter erkennen. Der Hall verstärkt sich, und plötzlich fallen alle Schattenmenschen um. Da erkenne ich, dass es keine echten Menschen waren sondern nur Pappkartons. Als nächstes stürzen auch die Wände ein wie Kulissen.

Ich stehe immer noch mitten auf der Bühne, der Spot auf mir, rundherum Dunkelheit und Stille. Die Musik hat aufgehört zu spielen. Der Silberknauf des Stockes, den ich immer noch in der Hand halte, hat sich in einen Totenkopf verwandelt.
„Willkommen im Reich der Träume!“ ruft er laut im Tonfall eines Zirkusdirektors. „Zeige mit mir an einen bestimmen Punkt im Raum, und was immer du dir wünschst, wird sich dort manifestieren.“
Das will ich ausprobieren. Ich deute links von mir und wünsche mir eine blühende Wiese mit blauem Himmel und Vogelgezwitscher. Augenblicklich manifestiert sich mein Wunsch in diesem sonderbaren Raum.
„Siehst du, so einfach ist das“, tönt es aus dem Totenkopf.
Dann deute ich zu einer anderen Stelle und wünsche mir ein Rudel Wölfe bei Vollmond, und gleich darauf erscheinen sie. Als nächstes wünsche ich mir einen riesigen Kuchen auf einem silbernen Tablett, und auch dieser erscheint in einem Augenblick. Die ganze Zeit über beobachte ich das Gesicht des Totenkopfes, das mich höhnisch anschaut.
„Und das ist erst der Anfang!“ ruft er mir entgegen und lacht schallend.
Ich werde ärgerlich und sage ihm: „Das alles ist nicht neu für mich. All das habe ich schon erlebt. Ich weiß, dass das, was ich mir vorstelle, wahr wird. Das ist nicht das Land der Träume sondern das Leben.“
„Bravo! Der Kandidat hat hundert Punkte!“ dröhnt es vom Totenkopf.
Voller Zorn schreie ich ihn an: „Ich habe nicht so viel Zeit und wüsste gerne, worum es hier geht!“
Da verfinstert sich seine Miene und mit einem kurzen Wink lässt er alles, was ich gerade erschaffen habe, wieder verschwinden. Er beginnt, unbändig zu lachen. Und sein Lachen wird immer lauter, schallend. Und wieder meine ich in einer Höhle zu sein. Der Stab ist zu einem Skelett geworden. Das Skelett läuft im Kreis und lacht immer hysterischer. Es wirkt wie unter Drogen. Unermüdlich läuft es immer schneller im Kreis und lacht ein künstliches, überdrehtes Lachen. Ich warte nur darauf, dass es zusammenbricht. Entgegen meiner Erwartung wird es aber langsamer und verwandelt sich in ein riesiges Insekt. Aus unendlich traurigen Augen blickt es mich an. Es ist dünn und ausgezehrt. Die Flügel hängen an seinen Seiten herunter. „Ich brauche Hilfe!“ flüstert es mit letzter Kraft.
Ich nehme es zu mir. Es legt sich in meine Arme, wo es völlig erschöpft in sich zusammenfällt und sich in ein neugeborenes Fohlen verwandelt. Sein Fell ist ganz nass, und ich spüre sein Zittern, als ich über seinen Körper streichle. Es ist so zart.

© Paul Knight

Da bin ich wieder am See. Die weiße Stute aus meinem Herzen kommt zu uns und begrüßt das Fohlen, indem sie ihm über den Kopf schleckt. Der schwarze Vogel streicht mit seinen Flügeln über den Körper des Fohlens. Es fühlt sich an, als würde die Zeit stehenbleiben und eine Welt neu entstehen. Ich spüre eine tiefe Verbundenheit zu diesen drei Tieren ohne zu wissen oder zu verstehen, wer sie sind und warum sie da sind. Alles, was zählt, ist, dass sie zu mir gehören. Wie eine Familie. Das Fohlen ist sehr zart und zerbrechlich, und die Stute und der Vogel behüten es, als wären sie seine Eltern.
„Ich heiße dich willkommen auf dieser Welt!“ sage ich zu dem Fohlen. „Ich freue mich, dass du da bist. Du bist ein so vollkommenes Wesen, so wunderschön.“

Im Schatten des Baumes hat sich eine Mulde gebildet, die mit frischem Heu ausgelegt ist. Das Fohlen legt sich hinein und ich knie mich zu ihm, streichle über sein Fell und lege meinen Kopf nah zu seinem Gesicht, spüre sein Fell an meiner Wange. Eine tiefe Liebe verbindet uns, und es dauert nicht lange, bis ich mich zu dem Fohlen in die Heumulde liege. Das Pferd und der Vogel stehen über uns wie wohlwollende Eltern, und ich fühle mich sehr geborgen.
Die Präsenz des schwarzen Vogels tut mir so gut. Er verkörpert für mich Schutz, Stärke und Klarheit und erlaubt mir, mich ganz in dieses Gefühl der Liebe fallen zu lassen.

Das Fohlen neben mir fühlt sich zart und weich an. Seine Nüstern vibrieren hoch empfindlich, und es scheint mir wie ein kleines Wunder, dass so etwas überhaupt möglich ist. Mit seinen dunkelbraunen Augen, die von langen Samt schwarzen Wimpern umgeben sind, schaut es mir direkt ins Herz. Langsam werde ich kleiner, jünger, bis ich ein Baby bin und mit meinen kleinen Fingern den Flaum der Nüstern des Fohlens berühre. Ich spüre seinen warmen Atem auf meiner Haut, so als wäre es meine Mama.

In jeder meiner Zellen steckt noch die schmerzhafte Erinnerung, dieses Gefühl die liebende Berührung einer wohlwollenden Mutter nie erfahren zu haben. Und nun bin  ich hier, an diesem Ort und spüre, es gibt sie. Ich habe eine Mama. Tränen der Erlösung laufen über meine Wangen, und wieder und wieder kuschle ich mich eng an das warme Fohlen. Die Liebe ist immer da.

Gleichzeitig beginnen wir, zu wachsen und werden größer, bis wir nebeneinander stehen. Aus dem Fohlen ist eine große braune Stute mit blonder Mähne geworden. Liebevoll schaut sie auf mich herunter. Und auch die Blicke von Pferd und Vogel ruhen auf mir. Ich bin umringt von Liebe.

Auf dem See sind Seerosen gewachsen. Unzählige Blüten bedecken die Hälfte des Sees. Es ist, als wären sie das vierte Geschöpf, das in dieser neu entstandenen Welt erschaffen wurde. Das Produkt unserer Liebe, geboren aus der Tiefe.

Es ist eine so junge Welt. Sie braucht viel Achtsamkeit, weil alles, was von mir gespürt oder genährt wird, Neues erschafft. Ich kann dieses zarte, energetische Gewebe spüren, das mich mit allem verbindet. Es steht in einem krassen Gegensatz zu dem Manifestieren, das mir der Totenkopf gezeigt hatte. Eine völlig andere Qualität. Eine aus sich heraus entstehende Energieform, die nicht vorhersagbar oder bestimmbar, jedoch eng verknüpft mit dem vorangehenden Moment ist. Eine Welt, die sich selbst erschafft. Ich kann es kaum glauben, dass ich Teil davon bin.

Da nickt mir der schwarze Vogel zu, als wäre er der Beweis dafür, dass es wahr ist. Er war bei mir, als ein unaussprechlicher Schmerz mich durchflutet hat, das Unaushaltbare mich fast umgebracht hat.

Ich bin nackt, und lasse mich in den See gleiten. Zwischen den Seerosenblüten liege ich auf der Wasseroberfläche.
„Komm so oft wie möglich hierher zurück“, sagt der Vogel. „Sonst gibt es nichts zu tun. Komm hier her und spüre die Liebe.“

Dankbar lasse ich mich vom Wasser des Seerosenteichs sanft tragen und weiß: Es gibt keinen Abschied. Es bleibt.