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tiefes wissen

Hier lesen Sie Geschichten der Heilung und des inneren Wachstums. Es sind erlebte Erzählungen von Menschen, die in ihre Tiefenimagination gereist sind und von den Wesen ihrer inneren Bilderwelt durch Wachstumsprozesse begleitet wurden. Lassen Sie sich berühren von der Vielfalt und Tiefe der hier geteilten Geschichten. Vielleicht wecken sie in Ihnen den Abenteuergeist, selbst auch einmal den Blick nach innen zu richten und auf die Reise zu gehen…

12. November 2015

Eine Welt, die sich selbst erschafft

Reise vom 15. April 08

Ich bin am See, dem Ort meines Herzens. Schon oft bin ich an diesem inneren Platz gewesen, der mir mit seiner smaragdgrünen Farbe wohl vertraut ist. Im Baum neben dem See sitzt der schwarze Vogel, darunter das weiße Pferd aus dem Herzchakra. Das Bild von gestern, die Eisschicht, die über dem See lag, kommt mir nun wie ein Traum vor. Und doch ist der schwarze Vogel der Beweis, dass es kein Traum ist.

© Anne Romby

„Ich freue mich, dass du da bist“ rufe ich zu ihm hinauf – und da fliegt er auch schon aus der Baumkrone hinunter und setzt sich auf den Rücken des Pferdes.
„Wie geht es dir?“ fragt er und ich sage ihm, wie dankbar ich für alles bin, was gestern passiert ist. Am allermeisten dafür, dass er für mich da war und mich in meiner großen Not beschützt hat. Ich bin neugierig, mehr über ihn zu erfahren.
„Du kennst mich schon so lange, aber du hast es vergessen“, sagt er.
„Kannst du mir sagen, was ich vergessen habe?“ frage ich ihn,
„Komm ganz nah zu mir und schau mein Gefieder ganz genau an.“
Ich sehe blau schwarz glänzende Federn mit starken, dicken Kielen. Vorsichtig berühre ich sie und spüre, wie weich sein Gefieder ist.
„Erinnert dich das an etwas?“ fragt er mich.

Da sehe ich einen Konzertflügel, auf dem ein Zylinder und ein Stock liegen. Der Flügel steht in einem großen Raum mit hohen Fenstern und kostbaren Teppichen am Boden. Ich schaue mich um und denke, dass das nur ein Schloss sein kann. In einer Fensternische steht ein imposanter Gold verzierter Schreibtisch. Auf ihm sitzt eine weiße Angorakatze. Als ich mich ihr nähere, entdecke ich, dass sie ein blaues und ein grünes Auge hat. Behutsam lasse ich mich beschnuppern. Als sie mit ihrem Kopf meine Hand anstupst, streichle ich sie und frage: „Wo bin ich?“
„Das ist dein Schloss!“ antwortet sie. Ungläubig zeige ich auf den Zylinder und sage, dass der viel zu groß für mich ist.
„Sag mir, wem er gehört!“ fordere ich sie auf.
Da blickt sie mich an, als wolle sie abschätzen, ob ich vertrauenswürdig genug bin, diese Information zu bekommen. Sie deutet auf den offenen Kamin, der von Bücherregalen umringt ist. Als ich hingehe, sehe ich, dass auf dem Sims viele Bilderrahmen mit alten Fotografie stehen. Ein Mann in Uniform, ein Hund, der einen Ball im Maul hält, zwei kleine Mädchen und eine lachende Frau.
„Wer sind all diese Menschen?“ frage ich die Katze.
„Das sind meine Menschen!“ antwortet sie mit Stolz geschwellter Brust.
„Und was habe ich hier zu suchen?“
„Das weiß ich auch nicht. Aber dein Besuch wurde mir angekündigt.“

Als ich merke, dass sie nicht weiter mit mir spricht, gehe ich zu dem Flügel und setze mich hin. Ein geöffnetes Notenblatt liegt in der Halterung. ‘Mondscheinsonate’ von Ludwig van Beethoven. Es gibt mir einen Stich im Herzen, als ich den Titel lese. Vorsichtig berühre ich die Tasten mit den Fingern, traue mich aber nicht, sie herunter zu drücken und Töne zu erzeugen. Ein komisches Gefühl überkommt mich, ein Gefühl, Eindringling zu sein. Ich lasse meine Hände wieder sinken,  nehme den Zylinder und setze ihn auf, obwohl er mir ein Stück in die Stirn rutscht. Auch den Stock mit dem Silberknauf nehme ich in die Hand - und da verwandelt sich die Szenerie und ich befinde mich auf einer Bühne eines Nachtklubs. Scheinwerferlicht ist auf mich gerichtet.
Ich sehe mich tanzen mit Stock und Zylinder, doch die Musik hört sich eigenartig an. Sie hallt als wäre das kein Raum in einem Klub sondern eine Höhle. Alles wirkt sehr unwirklich.

Der Zuschauerraum ist halb verdunkelt, von den vielen Menschen im Raum sehe ich nur Silhouetten und kann keine Gesichter erkennen. Der Hall verstärkt sich, und plötzlich fallen alle Schattenmenschen um. Da erkenne ich, dass es keine echten Menschen waren sondern nur Pappkartons. Als nächstes stürzen auch die Wände ein wie Kulissen.

Ich stehe immer noch mitten auf der Bühne, der Spot auf mir, rundherum Dunkelheit und Stille. Die Musik hat aufgehört zu spielen. Der Silberknauf des Stockes, den ich immer noch in der Hand halte, hat sich in einen Totenkopf verwandelt.
„Willkommen im Reich der Träume!“ ruft er laut im Tonfall eines Zirkusdirektors. „Zeige mit mir an einen bestimmen Punkt im Raum, und was immer du dir wünschst, wird sich dort manifestieren.“
Das will ich ausprobieren. Ich deute links von mir und wünsche mir eine blühende Wiese mit blauem Himmel und Vogelgezwitscher. Augenblicklich manifestiert sich mein Wunsch in diesem sonderbaren Raum.
„Siehst du, so einfach ist das“, tönt es aus dem Totenkopf.
Dann deute ich zu einer anderen Stelle und wünsche mir ein Rudel Wölfe bei Vollmond, und gleich darauf erscheinen sie. Als nächstes wünsche ich mir einen riesigen Kuchen auf einem silbernen Tablett, und auch dieser erscheint in einem Augenblick. Die ganze Zeit über beobachte ich das Gesicht des Totenkopfes, das mich höhnisch anschaut.
„Und das ist erst der Anfang!“ ruft er mir entgegen und lacht schallend.
Ich werde ärgerlich und sage ihm: „Das alles ist nicht neu für mich. All das habe ich schon erlebt. Ich weiß, dass das, was ich mir vorstelle, wahr wird. Das ist nicht das Land der Träume sondern das Leben.“
„Bravo! Der Kandidat hat hundert Punkte!“ dröhnt es vom Totenkopf.
Voller Zorn schreie ich ihn an: „Ich habe nicht so viel Zeit und wüsste gerne, worum es hier geht!“
Da verfinstert sich seine Miene und mit einem kurzen Wink lässt er alles, was ich gerade erschaffen habe, wieder verschwinden. Er beginnt, unbändig zu lachen. Und sein Lachen wird immer lauter, schallend. Und wieder meine ich in einer Höhle zu sein. Der Stab ist zu einem Skelett geworden. Das Skelett läuft im Kreis und lacht immer hysterischer. Es wirkt wie unter Drogen. Unermüdlich läuft es immer schneller im Kreis und lacht ein künstliches, überdrehtes Lachen. Ich warte nur darauf, dass es zusammenbricht. Entgegen meiner Erwartung wird es aber langsamer und verwandelt sich in ein riesiges Insekt. Aus unendlich traurigen Augen blickt es mich an. Es ist dünn und ausgezehrt. Die Flügel hängen an seinen Seiten herunter. „Ich brauche Hilfe!“ flüstert es mit letzter Kraft.
Ich nehme es zu mir. Es legt sich in meine Arme, wo es völlig erschöpft in sich zusammenfällt und sich in ein neugeborenes Fohlen verwandelt. Sein Fell ist ganz nass, und ich spüre sein Zittern, als ich über seinen Körper streichle. Es ist so zart.

© Paul Knight

Da bin ich wieder am See. Die weiße Stute aus meinem Herzen kommt zu uns und begrüßt das Fohlen, indem sie ihm über den Kopf schleckt. Der schwarze Vogel streicht mit seinen Flügeln über den Körper des Fohlens. Es fühlt sich an, als würde die Zeit stehenbleiben und eine Welt neu entstehen. Ich spüre eine tiefe Verbundenheit zu diesen drei Tieren ohne zu wissen oder zu verstehen, wer sie sind und warum sie da sind. Alles, was zählt, ist, dass sie zu mir gehören. Wie eine Familie. Das Fohlen ist sehr zart und zerbrechlich, und die Stute und der Vogel behüten es, als wären sie seine Eltern.
„Ich heiße dich willkommen auf dieser Welt!“ sage ich zu dem Fohlen. „Ich freue mich, dass du da bist. Du bist ein so vollkommenes Wesen, so wunderschön.“

Im Schatten des Baumes hat sich eine Mulde gebildet, die mit frischem Heu ausgelegt ist. Das Fohlen legt sich hinein und ich knie mich zu ihm, streichle über sein Fell und lege meinen Kopf nah zu seinem Gesicht, spüre sein Fell an meiner Wange. Eine tiefe Liebe verbindet uns, und es dauert nicht lange, bis ich mich zu dem Fohlen in die Heumulde liege. Das Pferd und der Vogel stehen über uns wie wohlwollende Eltern, und ich fühle mich sehr geborgen.
Die Präsenz des schwarzen Vogels tut mir so gut. Er verkörpert für mich Schutz, Stärke und Klarheit und erlaubt mir, mich ganz in dieses Gefühl der Liebe fallen zu lassen.

Das Fohlen neben mir fühlt sich zart und weich an. Seine Nüstern vibrieren hoch empfindlich, und es scheint mir wie ein kleines Wunder, dass so etwas überhaupt möglich ist. Mit seinen dunkelbraunen Augen, die von langen Samt schwarzen Wimpern umgeben sind, schaut es mir direkt ins Herz. Langsam werde ich kleiner, jünger, bis ich ein Baby bin und mit meinen kleinen Fingern den Flaum der Nüstern des Fohlens berühre. Ich spüre seinen warmen Atem auf meiner Haut, so als wäre es meine Mama.

In jeder meiner Zellen steckt noch die schmerzhafte Erinnerung, dieses Gefühl die liebende Berührung einer wohlwollenden Mutter nie erfahren zu haben. Und nun bin  ich hier, an diesem Ort und spüre, es gibt sie. Ich habe eine Mama. Tränen der Erlösung laufen über meine Wangen, und wieder und wieder kuschle ich mich eng an das warme Fohlen. Die Liebe ist immer da.

Gleichzeitig beginnen wir, zu wachsen und werden größer, bis wir nebeneinander stehen. Aus dem Fohlen ist eine große braune Stute mit blonder Mähne geworden. Liebevoll schaut sie auf mich herunter. Und auch die Blicke von Pferd und Vogel ruhen auf mir. Ich bin umringt von Liebe.

Auf dem See sind Seerosen gewachsen. Unzählige Blüten bedecken die Hälfte des Sees. Es ist, als wären sie das vierte Geschöpf, das in dieser neu entstandenen Welt erschaffen wurde. Das Produkt unserer Liebe, geboren aus der Tiefe.

Es ist eine so junge Welt. Sie braucht viel Achtsamkeit, weil alles, was von mir gespürt oder genährt wird, Neues erschafft. Ich kann dieses zarte, energetische Gewebe spüren, das mich mit allem verbindet. Es steht in einem krassen Gegensatz zu dem Manifestieren, das mir der Totenkopf gezeigt hatte. Eine völlig andere Qualität. Eine aus sich heraus entstehende Energieform, die nicht vorhersagbar oder bestimmbar, jedoch eng verknüpft mit dem vorangehenden Moment ist. Eine Welt, die sich selbst erschafft. Ich kann es kaum glauben, dass ich Teil davon bin.

Da nickt mir der schwarze Vogel zu, als wäre er der Beweis dafür, dass es wahr ist. Er war bei mir, als ein unaussprechlicher Schmerz mich durchflutet hat, das Unaushaltbare mich fast umgebracht hat.

Ich bin nackt, und lasse mich in den See gleiten. Zwischen den Seerosenblüten liege ich auf der Wasseroberfläche.
„Komm so oft wie möglich hierher zurück“, sagt der Vogel. „Sonst gibt es nichts zu tun. Komm hier her und spüre die Liebe.“

Dankbar lasse ich mich vom Wasser des Seerosenteichs sanft tragen und weiß: Es gibt keinen Abschied. Es bleibt.

10. November 2015

Hingabe

Reise vom 28. September 07
Puma kommt zu mir und schleckt mein Knie. „Ich brauche viel mehr Aufmerksamkeit von dir, du hast völlig auf mich vergessen“, sagt er.
Ich spüre, wie Recht er hat. Es tut gut, ihn so nahe bei mir zu fühlen. Bedächtig, so als hätte er alle Zeit der Welt, schleckt er über mein Knie.
„Was kann ich tun, um mein altes Muster gehen zu lassen, das mich zwingt, mich immer weiter voranzutreiben? Ich will es loslassen!“ sage ich mit Bestimmtheit.
„Mach genau, was ich mache. Gib deinem Knie Liebe.“


© Alessandra Maria

Also setze ich mich auf und halte mit beiden Händen mein Knie. Ich entschuldige mich bei ihm, dass ich wieder einmal zu schnell gelaufen bin und mich selbst überholt habe. Da löst sich aus ihm eine kleine Elfe mit zarten Flügeln. Sie fliegt zu Puma und setzt sich auf seine Nase. In ihrer kleinen Hand hält sie einen Zauberstab.
„Es hat mir sehr geholfen, dass du dich bei mir entschuldigt hast. Ich spüre deinen Respekt und deine Anerkennung. Nur deshalb konnte ich jetzt herauskommen und mich zeigen. Ich kann dir helfen, dein Muster gehen zu lassen.“
„Ist das wirklich möglich?“ frage ich aufgeregt.
„Alles, was du denken kannst, ist möglich. Deine Vorstellung und dein Glaube machen alles möglich“, antwortet sie mit einer klingelnden Stimme. „So einfach ist das. Du brauchst es nur zu tun.“
„Aber während ich bewusst etwas denke, denkt auch mein Unbewusstes vielleicht etwas Anderes und erschafft dieses, ohne dass ich es möchte“, entgegne ich.
„Genau. Aber das Diskutieren darüber bringt jetzt gar nichts. So kommen wir nicht weiter. Lass uns zum See gehen“, sagt die Elfe.

Wir machen uns auf den Weg. Puma trottet neben mir, die Elfe immer noch auf seiner Nase. Der See liegt unverändert da. Das Baby und die Frauen sind immer noch dort. Als wir näher kommen, blicken uns alle erwartungsvoll an. Die Elfe fliegt zum Baby und landet auf seinem kleinen Finger. Da lacht es. Es möchte, dass ich zu ihm komme. Puma bringt mich hin.

Das Weltenbaby nimmt mich in seine Arme und wiegt mich sanft. Es fühlt sich eigenartig an, von einem Baby im Arm gehalten zu werden, und doch ist es sehr schön. Ich spüre eine tiefe Vertrautheit und Nähe zu dem Baby, und ganz automatisch erlaube ich mir, kleiner zu werden und mich ganz in ihm zu verkriechen. Ich spüre, was für eine Last ich auf den Schultern trage, so als hätte ich zentnerschwere Pakete umgeschnallt. Selbst jetzt, wo ich so liebevoll gehalten werde, sind sie da und behindern mich.

Als ich mich umsehe, erkenne ich, dass die anderen Frauen auch solche Pakete auf Schultern und Rücken geschnallt haben. Die Pakete drücken hinunter, machen klein. Da verwandeln sich die Frauen in Käfer und versuchen weg zu fliegen. Sie schaffen es aber nur, ein Stück weit vom Boden abzuheben, straucheln, das Gewicht der Pakete ist zu groß, und sie stürzen in den See und ertrinken. Es ist grausam  anzusehen, wie sich der See mit Leichen von unzähligen Käfern füllt. Hoffnungslosigkeit, Müdigkeit und Erschöpfung lähmen mich. Schnell ist der See voller Kadaver. Keine einzige Frau ist mehr da. Ich spüre, dass auch ich keine Kraft mehr habe, sehe keinen Sinn. Das Gewicht erdrückt mich.
„Lass mich gehen“, wende ich mich an das Baby. „Ich will nicht mehr. Es ist so schwer. Es zieht mich hinunter zu den anderen im See. Ich will es auch hinter mir haben“.



© Autumn Sky Art

Da lässt mich das Baby sanft in das Wasser des Sees gleiten und blickt mich liebevoll an. Dankbar fühle ich, wie das Wasser meinen Körper umschließt. Es ist gut, hier zu sein. Zu wissen, dass alle Käfer tot sind. Alle haben aufgegeben. Niemand mehr da, der antreibt. Gäbe es auch nur einen einzigen lebendigen Käfer, alles würde wieder von vorne beginnen. Aber es sind alle tot. Ich auch. Und das tut so gut.

Aus dem Haufen toter Käfer erhebt sich eine goldene Kuppel sternförmig angeordneter Bögen, die in der Mitte spitz zusammenlaufen. Es sieht aus wie ein Stupa, der aus dem See wächst. Wie eine Insel erhebt er sich aus der Mitte der Kadaver. Als er zum Stillstand kommt, sind die Bögen zusammengewachsen und bilden eine geschlossene goldene Oberfläche. Ich erkenne einen schmalen Pfad, der vom Ufer zu der Insel mit dem Stupa führt.

Die Elfe fliegt voran, hinter ihr folgen Puma und ich. Als wir den schmalen Pfad hinter uns gelassen haben, erreichen wir Steinstufen, die zum Stupa führen. Es ist totenstill. Die Zeit steht still. Jeder Augenblick unendlich.

Der Stupa pulsiert in goldenem Licht als wäre er ein eigenes Wesen mit einem eigenen Puls, den er in die Welt hinaussendet. Ich spüre, wie meine Zellen darauf reagieren und ihre Schwingung verändern. Mittlerweile sind alle Tiere auf der Insel angekommen. Das Baby beobachtet die Szene vom Ufer aus. Manta aus dem achten Chakra schwebt direkt über dem Stupa. In ihm spiegelt sich die Szene nach oben.

Plötzlich bin ich weit außerhalb, beobachte aus einiger Entfernung, wie die ganze Szenerie in sich zusammenschrumpft und da, wo vorher der See war, als Kristallkugel in einer Mulde zu liegen kommt. Das Baby nimmt die Kugel in die Hand und hebt sie hoch. Es wird kleiner, und da, wo sein Körper eben noch große Teile des Sees eingenommen hatte, kann sich dieser nun wieder mit Wasser füllen.

Das Baby reicht mir die Kugel und lächelt mich an. Ich nehme sie mit beiden Händen und weiß intuitiv, dass ich sie in mein Herz legen soll. Als ich die Kugel an meinen Brustkorb halte, öffnet sich dieser wie von selbst und nimmt sie auf. Ich spüre eine starke Kraft von ihr ausgehen, die meinen ganzen Körper erfüllt. Vom Herzen aus kann ich sie überall in meinen Körper schicken, um sie wirken zu lassen.
Die Kraft der Kugel in meinem Herzen pulsiert in ihrem eigenen Rhythmus. Deutlich unterscheidbar von meinem eigenen Herzschlag. Ich schicke sie in meine Gebärmutter, und sofort spüre ich, wie die goldene Energie in meinem Körper nach unten wandert. Je näher sie der Gebärmutter kommt, um so bewusster werde ich mir, dass sich diese wie mumifiziert anfühlt. Als wäre sie stehen geblieben in der Zeit. Der lebendige Puls der Kugel belebt nun diesen Raum in mir wieder mit Liebe. Ich spüre eine tiefe Dankbarkeit.

Geburt des Weltenbabys

Reise vom 18. September 07 

Ich bin an einem See. Muskelentladungen und Stromstöße durchzucken meinen ganzen Körper. Neben mir ist Schildkröte aus meinem Kehlchakra.

© Selma Todorova

„Schau dir den See an“ sagt sie. Ich entdecke Blitze im Wasser, als würden die Stromschläge, die ich in meinem Körper spüre auch den See durchzucken. Meine Neugierde ist geweckt und ich bitte sie, mir mehr zu zeigen. So nah neben mir bemerke ich, wie wunderschön sie ist. Ihr Panzer schillert smaragdgrün und ihre uralte Haut strahlt in einem tiefen blitzblau mit goldigen Einschlüssen wie Lapislazuli. Seit unserer letzten Begegnung ist sie deutlich gewachsen.

„Ich habe den See erkundet und kenne ihn jetzt gut, das hat viel zu meiner Veränderung beigetragen“ sagt sie.
Ich war voller Sorge gewesen, dass das Wasser des Sees wieder trüb und dunkel werden könnte, wenn ich nicht aktiv daran arbeiten würde, es klar zu halten.
„Lass das meine Sorge sein,“ entgegnet sie, „die anderen Tiere sind ja auch da und rufen mich, wenn es etwas zu tun gibt“.

Ich merke wie mir kalt wird und sehe, wie sich eine milchige Schicht gallertartig über die Oberfläche des Sees legt und eine erstarrte Haut bildet.
„Leg dich in die Mitte des Sees auf diese Schicht“, sagt sie. Als ich vorsichtig die Oberfläche betrete, spüre ich, dass die Haut wie Gummi unter meinen Füßen nachgibt. Vorsichtig lege ich  mich hin. Unter mir nehme ich immer noch die Blitze im Wasser wahr. Kaltes Grausen dringt von unten in meinen Körper. Mir wird immer kälter, bis in die Knochen.
„Lass es zu. Lass dich heilen“, höre ich die sanfte Stimme der Schildkröte neben mir. Ich spüre Kältewellen von unten nach oben meinen Rücken durchströmen, nach und nach sinke ich durch die Schicht in das nun dunkle Wasser ein. Fühle mich leblos, kann mich nicht bewegen, und mein Körper sinkt tiefer und tiefer, bis er auf dem Grund zu liegen kommt. Nun sehe ich deutlich die Blitzentladungen um mich herum. Die Muskelzuckungen in meinem Körper haben aufgehört. Ich fühle mich eingesperrt. Lebendig begraben. Die Blitze bilden ein elektrisches Feld, das mich am Ausbrechen hindert.

Verschwommen kann ich von unten die Schildkröte durch die gummiartige Schicht wahrnehmen, sehe ihre vier Füße als kleine verschwommene Punkte, dazwischen den Schatten ihres Körpers. Sie läuft an der Oberfläche geschäftig herum, und es ist gut zu wissen, dass sie da ist. Gleichzeitig weiß ich aber auch, dass ich keine Möglichkeit habe, mit ihr zu kommunizieren, da mich das elektrische Feld von ihr abschneidet.

Es ist still hier. Das einzig wahrnehmbare Geräusch ist das Surren der Blitze um mich herum. Sonst gibt es keine Bewegung, kein Leben. Ein hermetisch abgeschlossener Raum.

Was soll das bedeuten? Warum bin ich hier?
„Du gehörst mir!“ höre ich eine Stimme aus dem See.
„Wer sagt das?“ frage ich. Ein hämisches Lachen ertönt.
„Du gehörst uns!“
Ich will wissen, wer das sagt und bitte die Stimme, sich zu zeigen.
„Du stellst hier keine Bedingungen!“
Ich muss eine Gefahr darstellen – denke ich – wenn man mich hier durch dieses elektrische Feld und die Gummischicht in Schach halten muss.

© Yolanda Eveleens

Da erinnere ich mich an eine frühere Reise, in der ich in einem Tunnel stecken geblieben war. Damals wuchs eine Kraft in mir, die stärker und stärker wurde, bis ich schlussendlich aus diesem inneren Kraftantrieb heraus die Auswegs lose Situation durchbrechen konnte. Das Gefühl hier und jetzt ist dem Gefühl von damals sehr ähnlich. Deutlich kann ich spüren, dass ich nicht umgebracht werden kann. Ich fühle mich stark und sage mit kraftvoller Stimme: „Du weißt, dass du mich nicht töten kannst!“ ohne zu wissen zu wem ich spreche. Ich wurde lahm gelegt, kann meinen Körper kaum spüren, unmöglich, meine Muskeln zu bewegen. Über mir sehe ich die Schildkröte herum trappeln. Ihre Füße wandern als dunkle Punkte auf der Oberfläche – sie ist ständig in Bewegung. Ich verbinde mich mit diesen dunklen Punkten, indem ich meine ganze Aufmerksamkeit auf sie richte und spüre, dass sie mich durch ihr Herum gehen unterstützt. Es ist, als wüsste sie genau, was mit mir passiert.

„Schau wie armselig du bist! Du kannst nur jemand anderem zuschauen, der sich bewegt. Du selbst bist völlig erstarrt!“ macht sich die Stimme aus dem See wieder bemerkbar. Da werde ich wütend und sage: „Ich bin nicht erstarrt! Du lähmst mich! Ich bin in Wirklichkeit genau so beweglich. Solange du dich mir nicht zeigst, kann ich mich dir nicht stellen“.

Ich sehe, wie Schildkröte weiterhin unermüdlich an der Oberfläche ihre Kreise zieht. Ein gutes Gefühl. Es ist, als hätte ich eine Verbündete, die nicht aufgibt, egal wie aussichtslos die Lage ist. Ich kann spüren, dass sie immer da sein wird. Langsam werde ich ruhiger. Je tiefer ich die Verbindung mit Schildkröte spüren kann, desto mehr gelingt es mir, mich zu entspannen. Ich kann das aus sitzen, es ist nicht notwendig, irgendetwas zu beschleunigen oder voranzutreiben. Eine tiefe Ruhe macht sich in mir breit.

„Was willst du von mir?“ frage ich in das Dunkel des Sees.
„Ich bekomme bereits alles von dir, was ich brauche“, tönt die Antwort durch das Wasser.
„Und was ist es, das du von mir bekommst?“
„Deine Lebendigkeit.“
„Was ist mit deiner eigenen Lebendigkeit?“
„Die existiert nicht.“

„Wann hat das begonnen?“

Ich sehe einen anderen See, umringt von Bergen. Auch auf diesem See liegt eine Schicht. An seinem Ufer stehen unzählige Frauen. Schulter an Schulter bilden sie einen Kreis. Sie stammen von unterschiedlichen Völkern. Alle Ethnien sind vertreten. Jede von ihnen kniet am Ufer und
wischt mit einem Tuch über die Gallertschicht. Es sieht aus als täten sie das gerne, sie singen unbeschwerte Melodien, während sie immer wieder in der gleichen monotonen Bewegung über die Schicht auf der Oberfläche des Sees streichen.

Ich gehe zu einer der Frauen hin, die in einen Seidensari gekleidet ist. „Was tust du da?“ frage ich sie. Sie blickt auf, lächelt mich an und reicht mir ihr Tuch.
 „Probier es selbst aus!“ sagt sie und nickt mir zu.  Ich knie mich hin, wische wie alle anderen über die Schicht und stimme in den Gesang der Frauen mit ein, spüre eine starke Verbindung zwischen den Frauen und mir.

Aber irgend etwas stimmt hier nicht. Obwohl ich unsere tiefe Verbundenheit spüren kann, scheint mir das, was wir tun, absolut sinnlos zu sein. Unser Wischen bewirkt nichts, ist völlig nutz­­los. Ich scheine die Einzige zu sein, die das, was wir hier tun hinterfragt. es ist als würden wir eine verbundene, gemeinsame Bewegung machen. Wenn ich etwas an der Bewegung verändere, machen alle anderen augenblicklich mit. Ich setze mich auf meine Fersen und alle Frauen tun es mir sofort nach, so als hätten sie schon darauf gewartet. Vorsichtig berühre ich den Rand der Schicht und sehe, wie die anderen es mir gleich tun. Die gallertartige Schicht ist zäh, dick und schleimig. Es dauert einige Zeit bis wir es schaffen, die Schicht vom Seeufer zu lösen. Als die letzte der Frauen die Verbindung vom Untergrund löst, blicken wir einander an und stehen langsam auf. Die Schicht halten wir über unseren Köpfen gespannt. Sie trieft auf uns herunter, und voller Ekel werden wir von dem herabtropfenden Schleim befleckt.

Nun ist der See darunter sichtbar. Aus ihm steigen dunkle Rauchschwaden auf. Der Rauch erschwert uns zu atmen, und ich kann spüren, wie wir schwächer werden. Unsere Kraft schwindet, und es wird immer schwieriger, die Schicht über unseren Köpfen zu halten. Der dunkle Rauch nimmt uns die Luft zum Atmen. Eine bleierne Müdigkeit, die uns erfasst, zwingt uns, die Arme zu senken. Und das Unvermeidbare passiert: die Schicht sinkt herab und verbindet sich wieder mit dem Seeufer. Augenblicklich ist die Luft wieder klar. Völlig erschöpft sinken wir nieder und legen uns hin. Ein trostloses Gefühl macht sich breit. Vielleicht ist es ja besser, wenn die Schicht den See verschließt. Wir kapitulieren und schlafen ein.

© Jaime Zollars

Ich finde mich wieder am Grund des Sees, wo ich alleine in dem elektrischen Feld gehalten werde und kann deutlich spüren, dass das eben Erlebte der Moment war, in dem ich hier gefangen worden war. Und ich kann spüren, dass ich nicht die einzige Gefangene bin. Es ist wie in dem Film Matrix. Unzählige Frauen liegen in Seen wie diesen, gefangen von elektrischen Feldern. Mein Herzschlag setzt aus.

Ohnmacht und Verzweiflung überschwemmen mich. Müdigkeit legt sich über mich. Ich habe keine Möglichkeit etwas zu verändern. Zu übermächtig erscheint alles. Ich kann nichts tun.

Die Blitze in dem elektrischen Feld  töten alle lebendigen Impulse der Frauen ab, physisch, psychisch und emotional, alle sind ruhig gestellt.
„Warum ist das so?“ frage ich.
„Zu deinem eigenen Schutz.“
„So ein Schwachsinn!“ Ich kann es nicht fassen.
In diesem halb gelähmten Zustand ist es für mich schwer, klare Gedanken zu fassen. So muss es Menschen in Einzel- oder Dunkelhaft gehen. Sie verlieren jedes Gefühl für Zeit und Raum.

Einzig die Schildkröte ist noch da und läuft über mir herum. Sie ist mein letzter Anker. Ohne sie hätte ich schon aufgegeben. Was kann ich nur tun? Es ist eigenartig. Die Schildkröte ist da und unterstützt mich spürbar. Aber sie tut nichts, außer herumzulaufen, so als würde sie mir damit zu verstehen geben, dass ich selbst etwas erkennen soll. Ich habe keine Ahnung was. Die Müdigkeit lähmt mich, so als hätte ich Drogen genommen. Ich will hier raus! Wann immer ich versuche, einen klaren Gedanken zu fassen, eine Strategie zu entwickeln, legt sich bleierne Müdigkeit wie eine Decke über mich. Da höre ich wieder dieses hämische Lachen, so als würde sich das Wesen über sein ausgeklügeltes System freuen. Unermüdlich trippelt Schildkröte mit unglaublicher Energie weiter. Als würde sie mich wach halten wollen. Oben ist Kraft und Energie, unten totale Lähmung.

Was muss ich tun, um hier voranzukommen? Gibt es überhaupt einen Weg?
„Hilf mir doch!“ rufe ich nach oben zur Schildkröte. „Ich komme hier nicht weiter.“
Da steckt die Schildkröte ihren Kopf durch die Gallertschicht. „Dreh dich um!“ sagt sie.
Körperlich kann ich mich nicht umdrehen. Ich bin gelähmt. Irgendwie schaffe ich es, mich innerlich umzudrehen und schaue auf den Grund des Sees, auf dem ich liege. Der Boden ist tief schwarz. Ein Brodeln ist sichtbar, wie in einem Lavasee blubbert die Oberfläche. Das Blubbern wird stärker. Ich spüre, wie die Blasen meinen Körper bewegen, so als würden sie ihn von unten anstupsen. Ich weiß nicht, was das alles zu bedeuten hat und fühle mich im Stich gelassen.

Da sagt die Schildkröte: „Erinnere dich an deine Verbundenheit mit den Himmelsvögeln und den Frauen. Erinnere dich an das Gefühl, das du damals hattest.“
Ich spüre, dass das Brodeln unter mir stärker wird. Es fühlt sich jetzt an wie ein Vulkan, der immer heißer wird. Das einzige, was ich in meinem Körper noch spüren kann und das nicht von der Müdigkeit zugedeckt wird ist die Verbundenheit zwischen Herz- und Kehlchakra. Je mehr ich ihr Raum gebe, umso heißer wird es unter mir, und der Druck im Vulkan steigt. Ein Ausbruch steht kurz bevor. Schlagartig wird mir klar, dass keine von uns diesen Ausbruch überleben wird. Alles wird zerstört werden. Und doch ist es so, dass genau das passieren muss. Es ist der einzige Weg, den Wahnsinn zu beenden.

Ich spüre meinen Herzschlag. Kann alle Herzen schlagen spüren, wie ein großer, gemeinsamer Herzschlag. Es ist klar, dass keine der Frauen diesen Zustand noch länger erträgt. Besser zu sterben, als ewig in dieser Lähmung gefangen zu sein. Die Schildkröte oben läuft immer schneller.

„Ich wüsste gerne, wer du bist“, frage ich in die Dunkelheit hinein.
„Spürst du das?“
Eine Welle von eiskaltem Hass schwappt mir entgegen. Die brodelnde Hitze unter mir wird durch den Hass noch mehr geschürt. Die beiden Energien gehen eine kraftvolle Verbindung ein.

Die Blasen unter mir sind größer geworden und haben sich wie Ballons über mich gewölbt. Durch die Blasen hindurch sinke ich eine Ebene tiefer. Dort ist es total dunkel. Ich bin schwerelos. Kann mich endlich wieder bewegen. Es ist, als wäre ich in einer anderen Welt gelandet. Da stößt meine Hand im Dunkeln an etwas - und im nächsten Moment wird sie von einer anderen Hand ergriffen. Ich bin nicht mehr isoliert! Ich spüre die Verbindung zu den Frauen wieder, die genauso wie ich durch den Raum schweben. Jetzt ist eine weitere Hand da, ich ergreife sie und es wird  langsam heller. Immer mehr kommen zusammen, eine nach der anderen. Aber es sind nicht die Frauen vom Seeufer, sondern Lichtwesen ohne festen Körper. Sie bilden einen großen Kreis und halten sich an den Händen. Ich bin eine von ihnen. Die Dunkelheit hat sich aufgelöst, und gemeinsam stoßen wir wieder nach oben.

Mir wird klar, dass mein Körper die ganze Zeit am Grund des Sees liegen geblieben war und immer noch erstarrt da liegt. So wie ich nun mit meinem Bewusstsein wieder in meinen Körper zurück kehre, erstarren auch alle anderen Frauen, als sie ihn ihre Körper zurückkehren. Aber etwas hat sich verändert: die Blitze im Wasser sind jetzt Stangen und haben ihre lähmende Wirkung verloren. Langsam und vorsichtig setze ich mich auf und sehe, wie alle anderen es ebenso machen. Ich bin gewachsen und stoße mit dem Kopf an der Oberfläche des Sees an. Die Stäbe, die sich aus den Blitzen geformt haben, sind klein wie Streichhölzer und sinken zu Boden. Mit meinen Handflächen drücke ich von unten gegen die Schicht, die immer noch die Oberfläche des Sees bedeckt. Sie dehnt sich wie ein Luftballon, gibt nach. Ich stehe auf und drücke mit aller Kraft gegen die Schicht. Doch es geht nicht weiter. So geht es nicht, also frage ich Schildkröte, was ich tun soll. Sie sagt, dass ich zum Seeufer kommen soll, wo sie steht. Ich wachse weiter und fülle den See mit meinem Körper mittlerweile beinahe ganz aus. Ich fühle mich wie ein Baby, das geboren werden will. Bloß wie?
„Du brauchst gar nichts tun“, sagt die Schildkröte, „leg dich einfach hin.“


© Pawel Jonka

Ich wachse weiter, und je größer ich werde, umso dünner wird die Schicht. Es ist schon ziemlich eng. Ich will raus! An die Luft und ans Licht.

„Erinnere dich an die Verbundenheit“, sagt die Schildkröte.
Da spüre ich ein Ziehen am Scheitel. Eine magnetische Kraft, die mich nach oben zieht. Ein Spalt öffnet sich, und ich werde hinaus gezogen. Alles passiert ganz sanft. Schon sitze ich am Ufer, neben mir die Schildkröte und vor mir liegt dort, wo eben noch der See war, der Rest der Haut, die einst den See bedeckte in einer Mulde.

„Das hast du gut gemacht!“ sagt die Schildkröte.
Ich bin ganz ruhig und frage, was ich mit den Überresten machen soll.
„Ruf die anderen Frauen!“ sagt die Schildkröte.

Da kommen von überall her die Frauen aller Völker. Sie stellen sich rund um die Mulde auf und sammeln die Reste ein. Auch ich stelle mich in ihren Kreis und helfe ihnen. Es ist wie das monotone Wischen, das wir an dem verschlossenen See gemacht hatten, doch erst jetzt wird klar, was wir da eigentlich tun.  Als wir fertig sind liegt in der Mitte eine Kugel aus den Resten der Schicht.

Der See füllt sich wieder mit Wasser, und die Kugel schwimmt wie eine Luftblase an der Oberfläche des nunmehr türkis blauen Wassers. Die Frauen nehmen rundherum am Ufer platz. Auch das Baby sitzt am Ufer, allerdings ist es ungefähr dreißig Mal größer als die Frauen. Seine Füße baumeln ins Wasser. Es beugt sich herunter, hält seine Hand auf, und wie von selbst schwimmt die Kugel in seine Handfläche. Das Baby hebt sie nach oben, zeigt sie dem Himmel, steckt sie in den Mund und schluckt sie.

Nun lässt es sich in den See gleiten, woraufhin das Wasser über das Ufer tritt - so groß ist sein Körper! Dieses Baby hat die Frauen der Welt zur Mutter. Sie brauchen und nähren einander. Das Weltenbaby ist Träger alles Wissens und gibt dieses an die Frauen zurück.

Es lehrt die Frauen, wieder sich selbst zu lieben – ermöglicht ihnen, sich zu erinnern, wie es zu einer Zeit war, bevor das Patriarchat die natürliche Ordnung der Dinge aus dem Lot und Verwirrung über die Menschen gebracht hatte. Im Kontakt mit dem Weltenbaby finden die Frauen zurück zur Urquelle der Liebe in sich.

Zufrieden sagt Schildkröte: „Es ist gut so.“